sessio 06 // tom waits - god’s away on business

There’s a leak, there’s a leak in the boiler room
The poor, the lame, the blind
Who are the ones that we kept in charge?
Killers, thieves and lawyers
God’s away, God’s away
God’s away on business, business

Das Schiff der Welt ist leck. Ein bisschen Titanic, nur größer. Eine katastrophische Welt, durchsetzt von Leiden und Verbrechen, der Suche nach dem nächsten Dollar, der besoffenen Versuchung an das Gute zu glauben. Die Frage nach dem Leid der Welt reißt auf, in einem vermeintlichen Außenseitermilieu, in einem schrägen Trauermarsch, bevölkert mit bizarren Randfiguren.

Und Gott? Derjenige, der alles zusammenhält? Oder eine weitere Randfigur? Weder noch. Gott ist nicht da, er ist geschäftlich unterwegs. Seine Geschäfte sind nicht die Geschäfte dieser Welt. Die Frage nach dem Warum stellt sich überhaupt nicht; das Leck im Leben, das hier besungen wird, führt nicht (mehr?) zum schrillen Aufschrei, zur bitteren Anklage, zur bedrängenden Nachfrage - Gott wird nicht einmal angeredet. Er spielt eine Rolle für diese Welt, aber nur in seiner Abwesenheit.

Warum dann aber Gott thematisieren, wenn man nur eine Abwesenheit feststellen kann? Gott, ein lyrischer Luxus, der für das Funktionieren des Texts irrelevant ist? Der Luxus des Gottesbezugs hat eine Funktion: Der Gottes-Refrain ist das Mantra, von dem aus die Katastrophe erst als solche sichtbar wird - von dem aus klar wird, dass die Welt nicht so sein muss, wie sie ist, dass all das Leid, all die Trauer, all die Gebrechen nicht notwendig sind. Gott ist hier also nicht jene Größe, die hilft, das Leid zu bewältigen (und fähig macht, Kontingenz zu bewältigen) - sondern Gott ist jene Größe, von der her klar wird, dass es nicht so sein müsste (und daher Kontingenz verschärft). Hier findet sich eine leise Ahnung davon, dass das Wort “Gott” Signal ist, dass es doch eigentlich anders sein müsste - ein Wort des Protests und des Einspruchs.

  1. befindlichkeitsdisko posted this