sessio 05 // kings of leon - use somebody

I’ve been roaming around
I was looking down at all I see
painting faces, building places I can’t reach
you know that I could use somebody
someone like you

Die Welt ist aus dem Lot, das Ich blickt stier ins Leere: Der manische Blick des verschmähten Liebhabers, Schreie in der Lobby, ziellose Fahrten in die nächtliche Wüste, Leiden am eigenen Suff – kleine Szenen im Strudel und Sog jener Bilder, die ‚Only by the Night’ Farben geben. Büchnersche Verhältnisse in texanischer Umgebung: Liebe, Versagung, Exzess, Verbrauch. Die Charaktere, deren Seelenlandschaften Caleb Followill in seinen Texten anordnet, sind fiebrig-unruhig, ruhelos, auf der Suche: „I’ve been roaming around / I was looking down at all I see / painting faces, building places i can’t reach / You know that I could use somebody / Someone like You“. In all dem, was sich bietet und geboten wird, bleibt eine Leere - die zum Anderen führt. Sanft, aber bestimmt wird die Erlösungsperspektive eingespielt: Liebe. Der Religionslehrer in uns allen jauchzt still auf: zum Anderen führt…

Aber Harmonie will sich nicht einstellen: Der Andere erscheint von Beginn an im Modus des Verbrauchs – das Du ist das vorzüglichste aller Konsumgüter. Die Beziehung, die hier besungen wird, ist immer schon marktförmig. Das Motiv von „Use Somebody“ findet sich im späteren Verlauf des Albums in „Be Somebody“ bedrohlich aufgenommen – hier sind die Beziehungen, die die Anerkennung eigener Identität sichern sollen, von Gewalt durchsetzt: „Now is your time and you know where you stand / With a gun in your hand / Now I’m no longer an ordinary man.“ Der Sänger erscheint als leise Stimme im Kopf, das verstehende Gegenüber der eigenen Krise, die er zugleich anheizt. Die Fluchtlinie jener Sehnsucht, die sich hier an eine Waffe klammert, erscheint im Refrain: „I’m gonna be somebody“.

Der Theologe in uns mag hier etwas unruhig werden – nein, so war’s nicht gedacht, die Rede von der Liebe, der schöne Gedanke, dass wir in der Beziehung zum Du ganz Ich sein und werden können, der feine Zentralgedanke sozialer Trinitätstheologien. Die Kings of Leon (wiewohl Pastorensöhne des Südens) kümmern sich um derlei nicht, sie beherrschen den Indikativ verquerer Verhältnisse – und regieren doch zugleich in theologische Welten hinein: Die seligen Seufzer über eine Liebe, die letzten Sinn verbürgt, verfangen sich in heiserem Räuspern, wenn das Bekenntnis die eigenen Motive aufscheinen lässt und die psychologischen Unterbauten kurz sichtbar werden. Die Beziehung, in theologischer Sprache gerne vorzügliches Residuum unserer Metaphern geglückten Lebens, endgültigen Sinns, adäquater Gottessprachen, ist gleichermaßen Ort der Gewalt, der Besetzung, des Konsums – und ruft eine Hermeneutik des Verdachts auf: Vorsicht, die ihr allzuschnell von Liebe redet, was ihr alles damit verschleiert und verdeckt und auf eigene Zwecke zuschneidert! Das gilt auch und besonders für die Trinitätstheologie – und übersetzt sich in die Erinnerung, diese weniger als strahlendes Schlussstück glänzender Liebesrhetoriken als vielmehr Exerzitium negativer Theologie anzulegen: Die Nichtsagbarkeit ist Hefeteilchen, nicht Verunreinigung theologisch adäquater Rede. „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.“ Das Durch-und-Durch-Erkennen, von dem Paulus spricht, ist freilich selbst wiederum kein Lösen des Gottesrätsels, sondern: Kommen vor das Geheimnis.