This is a tumblelog, kinda like a blog but with short-form, mixed-media posts with stuff I like. Scroll down a bit to start reading, or a bit more to read more about me.
sessio 10 // radiohead - backdrifts
We’re rotten fruit
We’re damaged goods
What the hell we’ve got nothing more to lose
One gust and we will probably crumble
We’re backdrifters
eine geschichte von versuchen, verleugnen, scheitern. fußspuren, die verraten, man fällt verloren in arme, natürlich auch wirkliches bemühen, aber es will sich/sich kein erfolg einstellen. und was hier gebunden ist, ist es für immer. we’re backdrifters.
das panorama, das sich zwischen indikativ und imperativ, zwischen zu- und anspruch auftut: rotten fruits, damaged goods. es ist unsauber: ob noise oder message ist schwer entscheidbar. es ist eine schreckliche geschichte.
die entscheidenden titel verweisen auf einen anderen: herausgerufen, zu ihm gehörig. mehr ist nicht gesagt, mehr ist nicht zu sagen.
irgendwo in der mitte kommt der rhythmus abhanden. und findet sich unverhofft wieder. es ist ein projekt nicht ohne hoffnung.
sessio 09 // the bravery - unconditional
I just want, I just want to love
I just want
Something, something for nothing
Yeah, something, something for nothing
‘Cause I’m a beggar and a chooser
I’m accused and accuser
But nothing’s unconditional
the bravery besingen einen paradoxen ort: eine unmögliche liebe, eine nicht erreichbare wirklichkeit - von der her allein leben möglich ist. es ist dieser unmögliche ort, der licht auf das gute leben wirft - auf beziehungen, durchzogen von anerkennung, auf verhältnisse, getragen von zuspruch. das vertraute mantra dieser vision: i just want love - aber paradoxal qualifiziert: als something for nothing. genau hier nistet die unmöglichkeit, in der aushebelung der gängigen abhängigkeits- und tauschverhältnisse - während man doch selbst teil davon ist, sie befeuert, ihrer bedarf: accused und immer auch accuser. genauso funktionieren wir: beggar und chooser. und doch ist es nur diese unbedingte liebe, von der her geglücktes leben aufreißt - in kostbaren lichtblicken, in kurzen momenten.
eben das kann man selbst nicht herstellen, gerade diese position kann man selbst nicht beziehen: eine solche liebe ist an der eigenen identität nicht ablesbar und nicht von ihr abzuleiten - das kleine bisschen richtiges leben kann aus dem falschem nicht destilliert werden, selbst hundert durchläufe ergeben nichts hochprozentiges, die jungfrauengeburt stellt sich nicht ein. worum es geht, ist eine unmögliche existenz: zwei naturen in einer person, unbedingte liebe in bedingten verhältnissen, unconditional love in conditonal worlds - eine christologische denkfigur, die sich vom lyrischen ich her entwickelt: es ist nicht zu denken. es geht nicht ohne.
sessio 08 // u2 - daddys gonna pay for your crashed car
You’re a precious stone, you’re out on your own.
You know everyone in the world, but you feel alone.
Daddy won’t let you weep, Daddy won’t let you ache
Daddy gives you as much as you can take.
Aha, sha-la. Aha sha-la.
Daddy’s gonna pay for your crashed car.
nach der wende hat man leicht von erlösung singen: u2, die großmeister der religiösen emphase, bleiben ihren themen treu, auch im weltpolitischen aufbruch der 90-er. aber sie brechen die euphorie, die sie erleben, sie wechseln das genre: der pferdebeschwänzte bono der späten 80-er, eitler prediger für die massen, mutiert zu mr. mcphisto - zu gleichen teilen verruchter satan, selbstverliebter banker, kapitalistischer schnösel. ihrem kult der authentizität schießen u2 nun ironie, sarkasmus und arroganz nach, mit anhaltenden verstörungen in der fangemeinde.
die alten themen bleiben, die affirmation schwindet: mcphisto ironisiert, was man als erlösung verkauft - und entlarvt die kleinen hoffnungen auf versorgung, die hässlichen sehnsüchte nach versicherung, nischen, in denen unreife nistet und projektion: daddys gonna pay for our crashed car - alles wird gut, ohne konsequenzen, kostbarer kleiner stein. was immer du machst, daddy steht dafür gerade, kein schmerz, kein warten, keine tränen: seine kreditkarte gereicht zum heil. es ist das biedermeier des jamba-klingeltons in reichen häusern: daddys gonna pay. sieben tage die woche rundum versorgt, auf watte gebettet, mit zuckerbrot gefüttert: phantasielose paradiese. sie hat macphisto im blick, sie gehören ihm: jene, die alle königreiche haben wollen (mt 4,1-11).
es ist eine kleine fingerübung in religions- und gesellschaftskritik, die bono hier veranstaltet: so kann man erlösung nicht denken. als sei es etwas, das uns aus der verantwortung entlässt, uns nimmt, was unseres ist. die dienstanweisung für einen unterteufel hält freilich fest: in diesem glauben lassen - daddy’s gonna pay for your crashed car, no worries.
sessio 07b // johnny cash - personal jesus
sessio 07a // depeche mode - personal jesus
sessio 06 // tom waits - god’s away on business
There’s a leak, there’s a leak in the boiler room
The poor, the lame, the blind
Who are the ones that we kept in charge?
Killers, thieves and lawyers
God’s away, God’s away
God’s away on business, business
Das Schiff der Welt ist leck. Ein bisschen Titanic, nur größer. Eine katastrophische Welt, durchsetzt von Leiden und Verbrechen, der Suche nach dem nächsten Dollar, der besoffenen Versuchung an das Gute zu glauben. Die Frage nach dem Leid der Welt reißt auf, in einem vermeintlichen Außenseitermilieu, in einem schrägen Trauermarsch, bevölkert mit bizarren Randfiguren.
Und Gott? Derjenige, der alles zusammenhält? Oder eine weitere Randfigur? Weder noch. Gott ist nicht da, er ist geschäftlich unterwegs. Seine Geschäfte sind nicht die Geschäfte dieser Welt. Die Frage nach dem Warum stellt sich überhaupt nicht; das Leck im Leben, das hier besungen wird, führt nicht (mehr?) zum schrillen Aufschrei, zur bitteren Anklage, zur bedrängenden Nachfrage - Gott wird nicht einmal angeredet. Er spielt eine Rolle für diese Welt, aber nur in seiner Abwesenheit.
Warum dann aber Gott thematisieren, wenn man nur eine Abwesenheit feststellen kann? Gott, ein lyrischer Luxus, der für das Funktionieren des Texts irrelevant ist? Der Luxus des Gottesbezugs hat eine Funktion: Der Gottes-Refrain ist das Mantra, von dem aus die Katastrophe erst als solche sichtbar wird - von dem aus klar wird, dass die Welt nicht so sein muss, wie sie ist, dass all das Leid, all die Trauer, all die Gebrechen nicht notwendig sind. Gott ist hier also nicht jene Größe, die hilft, das Leid zu bewältigen (und fähig macht, Kontingenz zu bewältigen) - sondern Gott ist jene Größe, von der her klar wird, dass es nicht so sein müsste (und daher Kontingenz verschärft). Hier findet sich eine leise Ahnung davon, dass das Wort “Gott” Signal ist, dass es doch eigentlich anders sein müsste - ein Wort des Protests und des Einspruchs.
sessio 05 // kings of leon - use somebody
I’ve been roaming around
I was looking down at all I see
painting faces, building places I can’t reach
you know that I could use somebody
someone like you
Die Welt ist aus dem Lot, das Ich blickt stier ins Leere: Der manische Blick des verschmähten Liebhabers, Schreie in der Lobby, ziellose Fahrten in die nächtliche Wüste, Leiden am eigenen Suff – kleine Szenen im Strudel und Sog jener Bilder, die ‚Only by the Night’ Farben geben. Büchnersche Verhältnisse in texanischer Umgebung: Liebe, Versagung, Exzess, Verbrauch. Die Charaktere, deren Seelenlandschaften Caleb Followill in seinen Texten anordnet, sind fiebrig-unruhig, ruhelos, auf der Suche: „I’ve been roaming around / I was looking down at all I see / painting faces, building places i can’t reach / You know that I could use somebody / Someone like You“. In all dem, was sich bietet und geboten wird, bleibt eine Leere - die zum Anderen führt. Sanft, aber bestimmt wird die Erlösungsperspektive eingespielt: Liebe. Der Religionslehrer in uns allen jauchzt still auf: zum Anderen führt…
Aber Harmonie will sich nicht einstellen: Der Andere erscheint von Beginn an im Modus des Verbrauchs – das Du ist das vorzüglichste aller Konsumgüter. Die Beziehung, die hier besungen wird, ist immer schon marktförmig. Das Motiv von „Use Somebody“ findet sich im späteren Verlauf des Albums in „Be Somebody“ bedrohlich aufgenommen – hier sind die Beziehungen, die die Anerkennung eigener Identität sichern sollen, von Gewalt durchsetzt: „Now is your time and you know where you stand / With a gun in your hand / Now I’m no longer an ordinary man.“ Der Sänger erscheint als leise Stimme im Kopf, das verstehende Gegenüber der eigenen Krise, die er zugleich anheizt. Die Fluchtlinie jener Sehnsucht, die sich hier an eine Waffe klammert, erscheint im Refrain: „I’m gonna be somebody“.
Der Theologe in uns mag hier etwas unruhig werden – nein, so war’s nicht gedacht, die Rede von der Liebe, der schöne Gedanke, dass wir in der Beziehung zum Du ganz Ich sein und werden können, der feine Zentralgedanke sozialer Trinitätstheologien. Die Kings of Leon (wiewohl Pastorensöhne des Südens) kümmern sich um derlei nicht, sie beherrschen den Indikativ verquerer Verhältnisse – und regieren doch zugleich in theologische Welten hinein: Die seligen Seufzer über eine Liebe, die letzten Sinn verbürgt, verfangen sich in heiserem Räuspern, wenn das Bekenntnis die eigenen Motive aufscheinen lässt und die psychologischen Unterbauten kurz sichtbar werden. Die Beziehung, in theologischer Sprache gerne vorzügliches Residuum unserer Metaphern geglückten Lebens, endgültigen Sinns, adäquater Gottessprachen, ist gleichermaßen Ort der Gewalt, der Besetzung, des Konsums – und ruft eine Hermeneutik des Verdachts auf: Vorsicht, die ihr allzuschnell von Liebe redet, was ihr alles damit verschleiert und verdeckt und auf eigene Zwecke zuschneidert! Das gilt auch und besonders für die Trinitätstheologie – und übersetzt sich in die Erinnerung, diese weniger als strahlendes Schlussstück glänzender Liebesrhetoriken als vielmehr Exerzitium negativer Theologie anzulegen: Die Nichtsagbarkeit ist Hefeteilchen, nicht Verunreinigung theologisch adäquater Rede. „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.“ Das Durch-und-Durch-Erkennen, von dem Paulus spricht, ist freilich selbst wiederum kein Lösen des Gottesrätsels, sondern: Kommen vor das Geheimnis.
sessio 04 // arcade fire - intervention
Been working for the church
While your life falls apart
Singing hallelujah with the fear in your heart
Every spark of friendship and love
Will die without a home
Hear the soldier groan, “We’ll go at it alone”
So funktioniert Religionskritik: Der Irakkrieg-Heimkehrer, der nicht mehr in sein Leben findet; die Orgel als Stilmittel, das inhaltlich für den nötigen drive sorgt; die Sonntagsmesse, die zum Rahmen einer aus den Fugen geratenen Existenz wird; die Kirche, die diese Situation befördert, Kapital daraus schlägt, sie prolongiert. Der eigene Glaube gibt Halt, aber bewältigt nicht - zerfallendes Leben, gängelnde Religion.
Religions- als Gesellschaftskritik: Das Bild des Bürgers, dessen Kirchenbesuch nichts mit dem restlichen Leben zu tun hat, ist Medium von Gesellschaftskritik. Indem Religion angefragt wird, werden auch jene sozialen und politischen Mechanismen offenbar, die Religion nötig machen - und die Kritik wird wechselseitig: Kritisiert wird eben auch Religion, die sich gesellschaftlich verzwecken lässt, eine Funktion hat in Ensembles der Ungerechtigkeit. Aber man hat Religion nicht ‘nötig’, auch christlich nicht: Beziehung zu Gott ist nicht in einem plumpen Sinn notwendig, sondern trägt ein Moment von Luxus in sich, ist kein Ausdruck biographischer oder politischer Sachzwänge, sondern Freiheit.
Arcade Fire sehen das; Win Butler, der Sänger der Band, hat Theologie studiert - und kann Religion und Glauben etwas abgewinnen: “‘Neon Bible’ is addressing religion in a way that only someone who actually cares about it can. It’s really harsh at times, but from the perspective of someone who thinks it has value.” Die harsche, scheinbar externe Religionskritik erweist sich als leidenschaftliche interne.
sessio 03 // jamie cullum - oh god
I know it’s been a while since I have talked to you
But maybe you’re the one who makes the winds blow
We’re looking at the stars without explanation
We contemplate as kings and simple men on trial
Our little world’s fragile
Cullums Titel inszeniert ein Gespräch mit Gott - keine drängende Anklage, mehr ruhige Rückfrage. Die rationale Anstrengung der Gottesbeweise ist fern; aber es scheinen Motive durch, die man aus diesen Bemühungen kennt, vielleicht überschneiden sich hier Genres: Auch der Gottesbeweis eines Anselm ist in einem Gebet entwickelt - Anselms ratio ist nicht so souverän, so autonom, so weltenthoben, wie man annehmen möchte. Sie ist geschichtlich, vom Hier und Heute affiziert, gerade hier starten die Vergewisserungsversuche des Glaubens. Die Motive des Staunens, der Kontingenz, der fragilen Stellung des Menschen in der Welt - all das sind mögliche Plattformen, sich des Glaubens rational vergewissern zu wollen, mehr noch: zu müssen.